Die MICHELIN Inspektoren arbeiten tagtäglich akribisch daran, die Restaurantselektion zu überprüfen, ihre Qualität zu sichern und sie auf den neuesten Stand zu bringen. Der Guide MICHELIN empfiehlt, was gut ist - und auch was herausragend gut ist. Was schlecht bzw. nicht gut genug ist, kommt erst gar nicht in die Selektion. Obwohl nur das Essen bewertet wird, würden wir trotzdem niemals ein Restaurant in die Selektion aufnehmen, in dem man beispielsweise nicht korrekt bedient wird.
Von einem solchen Fall aus der Vergangenheit weiß die Online-Redaktion: Hier hatten die Inspektoren in einem neuen Restaurant konstant auf Sterne-Niveau gegessen. Dennoch wurde das Restaurant nicht mit MICHELIN Stern ausgezeichnet. Es wurde gar nicht erst in die Auswahl aufgenommen. Die Inspektoren sind dort mehrfach schlecht bedient worden. In der Sternekonferenz herrschte Konsens darüber, dass man in dieses Restaurant – trotz der exzellenten Küche – niemanden schicken könne.
Dieser Fall stellt selbstverständlich eine Ausnahme dar. Die nachfolgend genannten Aspekte zählen ausdrücklich nicht zu den Gründen, weshalb ein Restaurant nicht empfohlen wird. Unsere Inspektorinnen und Inspektoren sitzen bis zu 300-mal im Jahr in Restaurants. Sie nehmen Nuancen und Details wahr, die einem „normalen“ Gast vielleicht gar nicht auffallen – und auch nicht auffallen müssen, da er schließlich privat zum Vergnügen essen geht.
Es sind Einblicke in jene Details, die unseren Inspektorinnen und Inspektoren im Rahmen ihrer professionellen Restaurantbesuche auffallen.
Hier lesen Sie, welche das sind.
Lichtkonzept
„Mal blendet das Licht unangenehm oder aber es ist so dunkel, dass man das Essen nur schummrig sieht. Ich habe schon die LED-Lampe verschoben, um zu sehen, was auf meinem Teller liegt“, sagt ein Inspektor. „Manchmal gibt es ausgeklügelte Lichtkonzepte, aber die Spots werden nicht auf die Tische bzw. einzelne Plätze ausgerichtet. Schade, wenn das Essen nicht im wahrsten Sinne des Wortes im Rampenlicht steht“, ergänzt eine junge Inspektorin.Geschirr
„Gerichte werden in Schalen oft kunstvoll präsentiert. Oft sind die Schalen sogar handgefertigt und wirklich exklusiv. Es kommt leider vor, dass die Ränder so hoch sind, dass man darin nichts schneiden kann“, sagt ein Inspektor. Seine Aussage wird ergänzt: “Manchmal kann man das Besteck leider nicht in der Schale ablegen, da die zu klein ist, es fällt raus “.
Besteck
Ein Kollege erzählt: „Ich finde, es sollte öfter und vor allem unaufgefordert ein Gourmetlöffel eingedeckt werden. Einfach blöd, wenn die Sauce kalt wird, weil man auf den Löffel warten muss.“ Ein anderer hat auch etwas über das Besteck zu sagen: „Filigranes Besteck sieht wirklich toll aus, liegt aber oft schlecht in der Hand.“
Tische & Stühle
„Manche Restaurants haben Stühle mit synthetischen Bezügen, in denen man selbst bei moderaten Temperaturen anfängt zu schwitzen. Da würde ich manchmal gerne den Chef fragen, ob er auf so einem Stuhl schon mal sechs Gänge gegessen hat“. „Manchmal sieht das Restaurant-Interieur aus wie aus einem Design-Magazin, aber Tische und Stühle sind ungeschickt konstruiert. Man sitzt nicht bequem oder kann auch die Beine nicht überschlagen.“Feingefühl
„Insbesondere bei Mitarbeitern, die am Anfang ihrer Karriere stehen, fällt mir manchmal noch fehlendes Feingefühl auf. Wieviel Geld möchte jemand für Wein ausgeben? Welcher Gast möchte wieviel über den Wein oder die Lieferanten erfahren? Wer möchte überhaupt reden? Wem kann ich welche Fragen stellen? Neulich saß ich in einem Restaurant, da hat mich die Cheffe de rang nach meinem Job gefragt.“
Wasser
„Wer den Anspruch hat, dem Gast das Wasser nachzuschenken, sollte das auch wirklich tun. Ansonsten ist meine Meinung: Lasst die Wasserflasche beim Gast stehen“.Annoncieren
"Wenn der Gang einmal serviert ist, sollte der Sommelier darauf verzichten, zu viel zum Wein zu sagen. Das Essen wird kalt“, sagt ein Senior-Inspektor sehr abgeklärt. „Das gleiche gilt für das Annoncieren der Gänge. Klar möchte ich wissen, was mir da serviert wird, aber die Ausführungen sollten nicht allzu lange dauern, schließlich möchte ich mein Essen warm genießen.“
Timing
„Beim Abendessen wird es oft sehr spät. Ich finde die Wartezeiten zwischen den Gängen manchmal wirklich einfach zu lang. Als Privatperson, die am nächsten Tag wieder früh raus muss, ist es meines Erachtens zeitlich kaum umsetzbar, auch mal unter der Woche ein Menü mit vielen Gängen zu essen.“„Die Dauer der Pausen zwischen den Gängen sollte mit den Gästen abgesprochen werden. Manche lassen sich gerne Zeit, andere möchten aber keine halbe Stunde oder länger zwischen den Gerichten warten“, ergänzt eine Kollegin.
Ein Kollege freut sich ganz besonders über unsere Anfrage. „Was unbedingt in den Artikel muss, sind die Websites. Reservierungsfunktion, Telefonnummer und Öffnungszeiten müssen dort leicht zu finden sein“ – bei 300 Reservierungen, die ein Inspektor pro Jahr macht, sicher eine verständliche Anmerkung.
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Illustration Image: Manchmal ist es so dunkel im Restaurant, dass man das Essen nur schummrig sieht © Donatelle Liens/Guide MICHELIN