Man mag der deutschen Esskultur augenzwinkernd eine gewisse Leidenschaftslosigkeit nachsagen – aber auf das Verhältnis der Deutschen zu ihrem liebsten Gemüse, dem Spargel, trifft das ganz sicher nicht zu. Auch wenn Spargel in anderen Ländern ebenfalls als Frühlingsgemüse geschätzt und gerne gegessen wird: Nirgends wird so mit den Hufen gescharrt, bis das „weiße Gold“, wie es verehrend genannt wird, endlich wieder auf dem Teller landet. Es ranken sich allerlei von außen betrachtet kuriose Gegebenheiten um die knackigen Stangen, die mit großer Überzeugung zumeist absolut unkreativ – gar auf den ersten Blick langweilig – serviert werden. Das „muss so sein“, sagt der Spargelliebhaber, der sich weigert, etwas anderes als flüssige Butter und eventuell noch eine Scheibe gekochten Schinken an sein sorgsam geschältes Gemüse zu lassen. Ebenso unverhandelbar: die Saison. Wo sonst Erdbeeren, Ananas und Mangos ganzjährig im Frühstücksmüsli landen, darf der Spargel unter keinen Umständen zu früh – oder gar zu spät gegessen werden.
Die Deutschen und ihre Spargel-Leidenschaft: Eine geschichtliche Einordnung
Dass ausgerechnet das beschauliche Schwetzingen – eine knappe Stunde von der Französischen Grenze – zum Epizentrum dieses Kults wurde, verdanken wir der herrschaftlichen Lust am Genuss. Mitte des 18. Jahrhunderts war es nämlich seine Herrschaft Kurfürst Karl Theodor, der im dortigen Schlossgarten den ersten kurfürstlichen Spargel anbauen ließ. Was heute als demokratisches Volksvergnügen zelebriert wird, war damals ein streng gehütetes Privileg des Adels. Der weiße Spargel galt aufgrund des enormen Aufwands bei der Kultivierung als „essbares Elfenbein“ – ein exklusives Statussymbol, das den Glanz der kurpfälzischen Tafel unterstreichen sollte. Über die Jahrhunderte wanderte das „Königsgemüse“ von den vergoldeten Tellern der Aristokratie hinunter in die bürgerlichen Küchen, ohne dabei jedoch seinen Ruf als etwas Besonderes zu verlieren. Aus dem kurfürstlichen Luxusgut wurde ein nationales Kulturgut.
Die ursprüngliche Methode, das Gemüse unter Erdwällen vor dem Sonnenlicht zu schützen, damit es weiß bleibt, ist geblieben. Denn die makellose Farblosigkeit ist einer botanischen Besonderheit geschuldet: Der weiße Spargel wächst in sorgsam aufgehäuften Erdwällen komplett im Dunkeln. Ohne den Kontakt zum Sonnenlicht kann die Pflanze keine Photosynthese betreiben und bleibt somit bleich, während die Textur zart und der Geschmack mild-bitter bleibt. Im Gegensatz dazu darf der grüne Spargel, der heute auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet, über der Erde in der Sonne wachsen, was ihm seine kräftige Farbe und ein deutlich nussigeres Aroma verleiht.
Regionen, Marktstände & „Spargelsilvester“
Auch wenn geographisch das historische Herzstück des Spargel-Kults im Nordwesten Baden-Württembergs liegt, eingebettet in die Kurpfalz zwischen Mannheim und Heidelberg: Der „Spargel-Wahnsinn“ ist längst keine Süd-West-Deutsche Angelegenheit mehr. Während die Kurpfalz für ihre jahrhundertelange Tradition steht, haben sich Regionen wie Beelitz in Brandenburg, das niedersächsische Nienburg oder das bayerische Schrobenhausen als moderne Hochburgen etabliert, die jeweils ihre eigenen „Spargelstraßen“ und lokalen Besonderheiten pflegen.
So unterschiedlich diese Regionen auch sein mögen, eines ist überall unantastbar: der Zeitplan. Die Ernte, das „Spargelstechen“, ist Schwerstarbeit und folgt einem strengen Rhythmus, der maßgeblich von der Bodentemperatur bestimmt wird. Wie der heiß erwartete Frühling selbst beginnt die Spargelzeit etwa Mitte März / Anfang April. Erst wenn die Erde in etwa 20 Zentimetern Tiefe konstant 12 °C erreicht, schieben die Triebe nach oben. Diese Abhängigkeit von der Natur befeuert die Ungeduld der Deutschen, macht aber auch den harten Cut am Ende der Saison so unerbittlich. Am 24. Juni, dem Johannistag, ist traditionell „Spargelsilvester“. Ab diesem Datum wird nicht mehr gestochen, damit der Wurzelstock bis zum ersten Frost genug Kraft für das nächste Frühjahr sammeln kann. Diese strikte Limitierung auf etwa zehn Wochen ist das Geheimnis hinter der kollektiven Besessenheit – man kann den Genuss eben nicht künstlich verlängern.
Sobald die Saison beginnt, erscheinen im ganzen Land die charakteristischen Verkaufsstände: kleine, oft in Form einer riesigen Spargelstange oder einer Erdbeere gestaltete Häuschen. Sie stehen an belebten Straßenecken, auf Parkplätzen vor Supermärkten oder direkt am Feldrand. In Regionen wie der Kurpfalz um Schwetzingen oder in Brandenburgs Spargel-Metropole Beelitz ist dieser „Hofverkauf“ die bevorzugte Bezugsquelle. Und natürlich: Jeder hat seinen Lieblingsstand mit dem „besten“ Spargel!
Der Deutsche kauft seinen Spargel am liebsten nah am Feld oder auf dem Markt, wo der Sand noch an den Stangen haftet. Es ist eine Form der direkten Vermarktung, die eine maximale Frische garantiert – ein entscheidendes Qualitätskriterium, da der Spargel nach dem Stechen zügig an Aroma verliert. Auf den Wochenmärkten in Mannheim oder Heidelberg herrscht in dieser Zeit Hochbetrieb; das Gemüse wird dort oft vor den Augen der Kunden mit speziellen Maschinen geschält. Diese Omnipräsenz des Produkts im Stadtbild untermauert den Status des Spargels als nationales Ereignis: Er ist in diesen Wochen nicht einfach nur im Sortiment – er dominiert den heimischen Herd genauso wie die Speisekarten der lokalen Wirtshäuser.
Spargel auf dem Teller: viel Butter bitte!
In der Zubereitung offenbart sich der Mangel an Kreativität des Spargelliebhabers als Form höchster kulinarischer Treue. Der deutsche Standard ist meist unumstößlich: Der Spargel wird ganz klassisch in Wasser mit Salz, einer Prise Zucker und einem Stück Butter gegart. Die Beilagen sind ebenso gesetzt: Salzkartoffeln – idealerweise frühe Sorten – und dazu entweder zerlassene Butter oder eine aufgeschlagene Sauce Hollandaise.
Warum ausgerechnet dieser französische Saucen-Klassiker zum unangefochtenen Partner des deutschen Spargels wurde? Geschmacklich ist das kein Zufall: Die Hollandaise (ursprünglich Sauce Isigny) wurde während des Ersten Weltkriegs in Frankreich umbenannt, um die Butterproduktion der neutralen Holländer zu ehren. Ihr hoher Fettgehalt und die feine Säure bilden das perfekte Gegengewicht zu den dezenten Bitternoten des weißen Spargels. In deutschen Privathaushalten wird dieses Set fast rituell exakt so nachgekocht. Wer etwas experimentierfreudiger ist, verarbeitet die Stangen zu cremigen Suppen, sommerlichen Salaten oder überbackt sie im Ofen – doch der Kern des Kults bleibt die pure Stange.
Die Portionen, die dabei in den Gasthäusern und heimischen Esszimmern serviert werden, sind durchaus stattlich: Ein „Spargel-Satt“-Teller umfasst in der Regel zwischen 350 g und 500 g des Gemüses. Wem das als vegetarische Mahlzeit nicht genügt, ergänzt das klassische Set optional um ein Wiener Schnitzel, ein Steak oder gekochten oder rohen Schinken. Diese Kombinationen erklären auch die beeindruckenden Zahlen: Statistisch gesehen verzehrt jeder Deutsche rund 1,5 kg Spargel pro Saison – in nur knapp 10 Wochen.
Auch in der Gastronomie lassen es sich viele Spitzenrestaurants die Kreativität um das beliebte Frühlingsgemüse nicht nehmen. Während der Gast im klassischen Landgasthof die unversehrte Stange erwartet, nutzen Restaurants wie das mit einem Stern ausgezeichnete Oben in Schriesheim die raren Stangen als komplexes Medium für moderne Interpretationen wie Spargel mit Holzkohlearomen, Holunder-Heuasche-Marinade und Spargel-Kefir-Schaum. Darauf arrangiert Küchenchef Rober Rädl verschiedene Wiesenkräuter wie von Holunderknospen, über Giersch und Schafgarbe bis zu Taubnesselblüten und bringt das beste dieser schönen kulinarischen Jahreszeit zusammen.
Rezept: Lieblingsgemüse in Brotzeit-Form – die Spargelstulle
Auch in Franken spielt Spargel zur Saison eine Hauptrolle. Küchenchefin Sandra Hofer widmet sich in ihrer Küche in Wirsberg Lieblingsgerichten unserer Kindheit – nicht umsonst heißt das Bistro im Posthotel Alexander Herrmann „oma & enkel“. Für uns hat sie über Spargel als Snack nachgedacht, auf der Deutschen Lieblings-Nahrungsgrundlage: einer Scheibe Brot. Dazu, als Anlehnung an die cremige Hollandaise: eine einfache Mayonnaise, die sich auch für andere Brotzeiten und Salate bestens eignet.
Der große regionale und saisonale Fokus des Posthotels ist auch im oma & enkel verwurzelt und die Küche bedient sich wie das 2-Sterne-Restaurant AURA an den Erzeugnissen des ANIMA Food Lab und ist bestens vertraut mit Haltbarmachung von saisonalen Schätzen. Neben frischem Spargel auf dem Brot rät Sandra deshalb dazu, die Lieblingsstangen einzuwecken – und auch außerhalb der Saison einmal zu genießen, was die Speisekammer hergibt.
Geröstetes Brot, marinierter Spargel,
7-Minuten-Ei-Mayonnaise
Zutaten für 4 Stullen
- 4 große Scheiben Sauerteigbrot
- 500g weißer Spargel (Stangen oder nur Spitzen)
- etwas Butter zum Braten
- Petersilie zum Anrichten
- Frische Radieschen
7-Minuten-Ei-Mayonnaise
- 2 St. Eier, 7 Minuten gekocht
- 3g Salz
- 1g Kala Namak Eiersalz
- 15g Senf, mittelscharf
- 1g Zucker
- Spritzer Saft Zitrone
- 280ml neutrales Pflanzenöl
Marinade für den Spargel
- 200g Weißer Balsamico
- 270g Wasser
- 1 Zitronenabrieb
- 2g Salz
- 110g Zucker
- Pfeffer aus der Mühle
- 20g neutrales Pflanzenöl
Zubereitung
Für die Mayonnaise:
Die Eier in kochendes Wasser geben und 7 Minuten kochen, abschrecken und ausbrechen. Alles bis auf das Pflanzenöl mit dem Mixstab oder Mulinette zu einer homogenen Masse mixen, dann langsam nach und nach das Pflanzenöl einmixen.
Der Spargel
Für die Marinade: Alle Zutaten mit dem Schneebesen verrühren, bis sich der Zucker gelöst hat.
Spargel schälen, Spargelschale mit einer Scheibe Zitrone und Salz kurz auskochen,
Die Schalen abgießen und den Sud auffangen. Den Sud zurück in den Topf geben.
Den Spargel für ca. 3 Minuten darin bissfest garen. Aus dem Spargelwasser nehmen, warm in die Marinade geben und für ein paar Minuten ziehen lassen.
Zum Anrichten:
Brot in etwas Butter in der Pfanne knusprig anbraten. Die Spargelstangen und -spitzen halbieren und auf das Brot legen. Die Mayonnaise entweder vorher aufs Brot streichen oder mit dem Spritzbeutel kleine Tupfen zwischen die Stangen setzen.
Mit frischer Petersilie garnieren. Mit frisch gemahlenem Pfeffer, Salzflocken und etwas Rapsöl würzen.
Tipp: Spargel für das ganze Jahr!
Spargel in einem Essigsud einlegen und ihn so das ganze Jahr genießen.- 200g Zucker
- 200g Weißwein
- 200g Wasser
- 300g Weißer Balsamessig
- 100g Weißweinessig
- 1Eßl. Salz
- Staudensellerie
- Zitronenzeste
- Senfsaat
- weißer Pfeffer
Alles gemeinsam mit dem geschälten Spargel aufkochen und in sterile Gläser füllen. Gläser verschließen und kühl lagern.
Illustration Image: Am liebsten in bester Qualität, schneeweiß und frisch vom Marktstand: weißer Spargel © Barish Baur/iStock